Die Ohnmacht der Mächtigen

Ultra’. Schon mal gehört?

Außerhalb der hart eingesessenen Fußballszene, die es Woche für Woche durch die Stadien der Republik zieht, weiß wohl niemand so recht mit diesem Begriff umzugehen, geschweige denn zu konkretisieren, was sich hinter diesen fünf rätselhaften Buchstaben verbergen könnte. Selbst viele Fußballverrückte sind zu einer treffenden Bestimmung kaum in der Lage. Auch sie entlehnen ihr Wissen einzig den Medien, wiederholen schlagwortartig hohle Phrasen wie Gewalt, Hooligans oder Fußballkrawalle. Ultra’ ist zu einer Umschreibung der negativen Seiten des Sports geworden, ein Stellvertreterbegriff für Randerscheinungen, die sich nur gelegentlich medialer Reflektion erfreuen. Einer medialen Reflektion, die selbst im Zuge recht aktueller Geschehnisse, wie dem Tod eines jungen italienischen Fans im November 2007, zwar den Begriff Ultra’ über den Äther zu schleudern vermag, es aber nicht schafft, ihn näher zu bestimmen. Ultra’ bleibt Synonym für Krawall und damit der Gegenbegriff zur Ordnung in der Welt des Fußballs.

Versuche, diese vielleicht unglücklichen Umschreibungen richtig zu stellen, scheitern. Nicht an der Gleichgültigkeit der Betroffenen, nicht an ihren rein technischen Fähigkeiten, an Argumenten und Ausdrucksvermögen, nein vielmehr daran, dass sie schlichtweg nicht gehört werden – oder nicht gehört werden wollen? Die Ultra’-Szene erlebt der Öffentlichkeit gegenüber ein erdrückendes Gefühl von Ohnmacht.

Was ist Ultra’?

Ultras sind keine Hooligans. So müsste die erste Botschaft lauten, ganz einfach und unmissverständlich. Dennoch werden beide Ausdrücke gerade in Deutschland verwendet, als sei der eine lediglich der „en vogue“-Begriff des anderen. Ebenso ist Ultra’ nicht die italienische Version des britischen Schlägers. Tatsächlich beschreiben beide Begriffe unterschiedliche soziale Gruppen innerhalb der Fußballszene, Gruppen die nebeneinander bestehen und die ganz der jeweiligen Ausrichtung nach auch Überschneidungen aufweisen können. Gewalt ist sicher ein Faktor, der beiden Szenen immanent ist – ausschließliches Bestimmungskriterium eines Ultras ist sie aber nicht, sondern vielmehr Facette. Das grundlegende Merkmal der Ultraszene, so wie sie aus Italien auf ganz Fußballeuropa übergeschwappt ist, bleibt die ganz allgemeine Feststellung: Ultras sind fanatische Fans.

Fanatisch muss nicht zwangsläufig negativ wahrgenommen werden, so entlockten die Bilder feuriger Rauchkörper und frenetischer Massen nicht selten so manchem Journalisten ein begeistertes Raunen. Atemberaubender Atmosphäre und Schauder einjagender Stimmung werden gleichsam gefrönt und südländische Mentalität und Leidenschaft stehen deutscher Begeisterungslosigkeit und Zurückhaltung gegenüber.

Begeistert der deutsche Anhänger sich nun aber doch, folgen Kopfschütteln und Unverständnis über die wenigen Chaoten. Für Ultras ein viel zitiertes Beispiel – es wird gemessen mit zweierlei Maß.

Eigentlich war es vor allem die Art und Weise, die eigene Mannschaft im Stadion zu unterstützen, optisch und akustisch, die Mitte der Neunziger Jahre auch deutsche Fußballtouristen so sehr beeindruckte, dass sie Ähnliches einfach in ihre Heimatstadien zu übertragen suchten. Sie haben Ideen, sind engagiert und kreativ. Choreografien schmücken seither die Ränge, neue melodische Lieder hallen durch das Rund. Viele Vereine, die sich noch vor zehn Jahren vor einer Handvoll Rentner auf leeren Sportplätzen triste Partien lieferten, ziehen nun wieder Publikum. Und trotzdem, ein Ultra bleibt Chaot.

Die Wahrheit über Ultras:

Wahrheit bleibt dennoch das negative Bild, der Hooligan. Ist es aber eine Wahrheit oder die Wahrheit? Für viele vielleicht Haarspalterei, doch ganz tief im Begriff der Wahrheit verborgen findet sich Macht, versteckt, ungesehen und unreflektiert. Sie bestimmt letztlich, was wir als wahr erachten oder nicht. Wahrheiten sind lediglich Diskurse, ein Angebot, erst Macht macht es zur einzigen Wahrheit:Wir gehen also nicht mehr von einem schlichten Sein der Dinge aus, sondern von ihrer Konstruiertheit: Wahr ist nur, was wir als wahr erachten (Bublitz 2001:226/230; Landwehr 2004: 58). Wahrheit wird bedingt durch Macht, durch Regeln, die jede Wirklichkeit definieren (Bublitz 2001: 231f.; Landwehr 2004: 86).Besonders effektiv werden diese Regeln über Mittel der Ausschließung, denn der Diskurs bestimmt sich selbst über gewisse Dazugehörigkeitskriterien. Er definiert sich immer über Gegensätze, über das Andere als die Basis aller Wahrnehmung. Gleichheit wird so zum Ergebnis geistiger Tätigkeit, sie setzt Kommunikation und letztlich eine Einigung über Grundkategorien voraus (Foucault 1997:162). Damit ist die Macht hinter der Wahrheit weniger als eine von oben herab kommende Regierungsmacht zu verstehen, sie bezeichnet keine Form von Unterwerfung, sondern sie kommt von unten, als etwas, das sich in unterschiedlichen Produktionsapparaten, in Familien, einzelnen Gruppen und Institutionen herausbildet und auswirkt. (Foucault 1977a: 94f) So kommt es auch, dass nicht die Qualität der Argumente bestimmt, was als richtig zu gelten hat, was wahr ist, sondern die Position des Sprechenden. Der Ultra kann versichern, wortgewandt formulieren, es aus sich heraus schreien, doch die Wahrheit sagen kann er nicht. Wahrheit ist ein Privileg des Diskurses und kann nur aus seiner Mitte heraus gesprochen werden. Von außerhalb wird nun einmal keiner gehört… (Foucault 1977: 8f.; Keller 2004:50; Link 1999: 745/746).

Eine Wahrheit über Ultras ist, dass sich diese jungen Fußballfans, sprich die Ultrabewegung, in Deutschland etabliert hat. Auch wenn die Kurven nicht wie anderswo in Europa in aller Gänze und absolut durch sie geführt werden, so tragen sie doch maßgeblich zur Verbesserung der Stimmung in den Stadien bei.

Aber die jungen Gruppen sind auch ernster geworden. Die anfänglich oft ausgelassene Spaßzeit ist vorbei. Singen und Basteln sind zwar noch immer wesentlich, doch Ultra’ heißt eben nicht mehr nur seinen Verein lieben und unterstützen, es heißt immer mehr auch Kritik üben, Dinge sichtbar machen und ändern zu wollen. Damit heben sie sich ab, fallen auf in einer Welt, in der die Masse schlicht konsumiert und schweigt, solange die eigenen Bedürfnisse nicht infrage gestellt oder gar bedroht werden. (Foucault 1984: 930f.; 1994: 256) Auch in der Welt des Fußballs sind sie damit etwas Besonderes, zumindest diejenigen Gruppen, die es schaffen, ihre Ziele und Ideale stetig zu überdenken, weiterzuentwickeln und intellektuell in Bewegung zu halten. Über eigene Medien hält diese stetige und oftmals theoretisch komplexe Diskussion an, die immer wieder das Wesen der eigenen Sache zu verorten sucht: Sind Ultras noch Fans oder ist Ultra’ gar eine Subkultur? Kann Fußball unpolitisch sein? Lassen sich Diskurse brechen? Wenn Macht also die Möglichkeit eines jeden bezeichnet, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstand durchzusetzen, hat Ultra’ dann auch diese Chance? (Weber 1995:212f.)

Die Macht der Ohnmächtigen:

Die Vereine sprechen gern von Selbstdarstellern, von jungen Menschen, die mehr sich selbst inszenieren als den Verein. Sie tragen nur noch selten die vereinseigenen Fanartikel, Schal und Trikot, kaufen weder Zahnbürste, noch Waffeleisen. Ihre Fahnen und Doppelhalter malen sie selbst, ihre Choreografien werden völlig autark organisiert und bezahlt. Sie sind keine eingetragenen Fanclubs und sehen ihre völlige Unabhängigkeit vom Verein als größte Tugend. Ihre Spruchbänder werden nicht abgesprochen und notfalls trotz Verbot präsentiert. Statt des Stadionmagazins für drei Euro verteilen sie eigene Heftchen, Sponsorengeschenke lehnen sie ab, empfinden jegliche Annäherung als Bestechungsversuch. Die eigene Integrität ist ihnen heilig.

So stoßen sie bei den Offiziellen auf totales Unverständnis. Letztlich so weit, dass ein Uli Hoeness, der große Übermanager des deutschlandweit erfolgreichsten Sportunternehmens FC Bayern München, vor etlichen Fernsehkameras geradezu unkontrolliert überschnappt, als im Zuge der Jahreshauptversammlung 2007 Kritik an Stimmung und VIP-Logen aufkommt. Er begreift nicht, weil er in wirtschaftlichen Kategorien denkt. Er tönt, durch Blaskapellen im Stadion der mehr als mäßigen Stimmung Abhilfe schaffen zu können und offenbart immer deutlicher den Abgrund zwischen Management und den vermeintlich Treuen auf den Rängen.

Und so schreibt die Süddeutsche Zeitung nicht ganz zu unrecht, in jenem Eklat offenbare sich auch der Druck, der auf den Vereinsoberen laste. Ein Druck, der nur wenig später dafür sorgte, dass der FC Bayern München mit einem offenen Brief die Wogen zu glätten suchte. Denn es ist kein Geheimnis, auch die Käufer der teuren Logenplätze kommen wegen der Atmosphäre. Schlechte Stimmung auf den Rängen mindert das Image der Marke: Heutige Fußballvereine werben mit teuren Stadien, großen Spielernamen und einem unvergesslichen Erlebnis. Gute Stimmung aber ist Teil dieses Events und damit besitzt selbst der kleine Fan die berühmte Chance auf Macht. Denn wenn er in der Kurve schweigt, bekommt die Show einen Makel (Weber 1995: 218). Viele Ultras haben diesen eigenen Wert erkannt. Sie wissen um die Machtmittel dem Verein gegenüber und setzen sie ein. Je fester die Gruppen in der eigenen Fanszene etabliert sind, desto wirksamer der mögliche Protest. Ein Protest, der überwiegend dem so viel gescholtenen modernen Fußball gilt, das heißt der zunehmenden Kommerzialisierung des Sportes und seiner sportlichen Werte.

Denken wir nur an die Geschehnisse rund um die Tour de France 2007, das Versinken im Dopingsumpf, der den Wettkampf immer mehr zu einer Farce verkommen ließ, und die daraus resultierende Angst vor dem Ausverkauf aller Ideale, die den Sport so wertvoll gemacht haben.

Ultras stellen aus dieser Sorge heraus die modernen Sportunternehmen, die ihre Vereine heute sind, in Frage, kritisieren den sogenannten Ausverkauf von Traditionen und schaffen es, sich sogar szeneübergreifend zu solidarisieren. Auf Stadionumbenennungen zwecks neuer Sponsorengelder wird dann per Stimmungsboykott reagiert, ganze Blöcke bleiben manchmal für kurze Zeit leer, Spruchbänder kratzen am Image der Entscheidungsträger. Sie fordern, als Teil des Vereins wahrgenommen zu werden und nicht nur als seine Kunden. Ultras sind unabhängig, sprich, Ultras sind nicht kalkulierbar und damit in einer Zeit, in der beinahe alles wirtschaftlich gemessen und errechnet werden kann und wird, schlicht eine gefährliche Unkonstante (Foucault 1994: 253).

Die Fußballverrückten prallen so auf einen kapitalistischen Diskurs, vielleicht sogar den entscheidenden und prägenden Diskurs dieser Zeit: Sie stellen die Entmenschlichung (Weber 1947: 662) der Moderne über den Mikrokosmos Fußball an den Pranger und greifen letztlich die Wahrheit an. Aber sie gehen noch weiter, indem sie konträre Gesellschaftsbilder aufbauen. Die Gruppen beginnen, eigene Strukturen zu bilden, eigene Leistungsprinzipien und damit einhergehend eigene Werte und Normen. Ihnen immanent ist der Gegenentwurf zu dem, was sich außerhalb vollzieht. Gemeinschaft und Solidarität, Integrität und Glaubwürdigkeit verwerfen plötzlich die Regeln der eigentlichen Welt, die strikt über Sachzwänge dirigiert erscheint (Weber 1947:669). Die Gruppe wird zu einem festen Gefüge, das Zusammenhalt zelebriert. Gewaltsames Messen mit anderen ist oftmals Form eines Unterbeweisstellens der eigenen Stärke, nicht an reiner Muskelkraft, sondern vielmehr an Werten.

Ultra‘ kann also zu einem Ausstieg werden und zu einer Lebenseinstellung, die nicht nur am Spieltag, sondern immerwährend bestimmt. Der Jugendliche bewegt sich dann ausschließlich innerhalb seiner sozialen Gruppe, denn Gruppenideale lassen sich meist nur im eigenen, abgeschlossenen Raum leben. Außerhalb bestimmt ein anderer Diskurs (Foucault 1994: 245): Ein Konsens über eine Lebensform, eine Übereinstimmung aus Kalkül jedes einzelnen, das auf ein größtmögliches Maß persönlicher Sicherheit zielt (Foucault 1994: 256; 1984: 920f.; contra ders. 1978: 77). Zur Aufrechthaltung der dafür unabdingbaren Regeln werden wiederum Einzelne mit Privilegien betraut. Dennoch bleiben Regeln und die zu ihrer Wahrung Privilegierten stets abhängig von einer umfassenden Zustimmung.

Die wirkliche Macht liegt somit in jenem Konsens, in der Anerkennung der Ordnung, nicht aber in der reinen Ausführung (Foucault 1994: 246; Popitz 1976: 33). Die Idee Ultra’ nun wendet sich von diesem Konsens ab, sie verweigert dem Diskurs die Anerkennung. Damit wird aber der Ultra zum Problem (Butler 1995: 32; Durkheim 1986: 61):Denn Wahrheit kann nur als einzige Wahrheit fungieren. Der mächtige Diskurs muss sich wehren, denn seine Existenz steht auf dem Spiel (Foucault 1994: 254). Wahrscheinlich bewegt sich Ultra’ damit ganz im Sinne typischer Jugendkultur, sie definiert sich bewusst gegenüber der etablierten Macht und lehnt sich auf. Dennoch ist nicht jeder Jugendkultur eine gleichermaßen starke Negativkonnotation innewohnend. Einige bleiben ewig auf dem Stand einer infantilen, zeitbedingten Phase und werden kaum ernst genommen.

Warum aber wird ausgerechnet der Ultra’ als gefährlicher als der Satanist eingestuft? Warum werden Ultra’-Gruppen oftmals pauschal kriminalisiert und gar mit gleichen Mitteln wie mutmaßliche Terrorzellen überwacht?

Vielleicht ist es ihre Nähe zum Massensport und damit zu einer ansprechbaren Öffentlichkeit, vielleicht ihr Tatendrang und die stetig wachsende Fähigkeit, die eigene Botschaft zu formulieren und stichhaltig zu machen. Ihr Protest wird längst nicht mehr als unumstößlich naiv und kindlich verträumt begriffen, sondern als zunehmend tief- und scharfsinnig. Ultra’ formuliert einen Nebendiskurs, der sichtbar wird und stetig wächst.

Mit zunehmendem Wachsen und Bewusstsein der Szene aber steigt auch der Grad der Konfrontation, leider auch der Eskalation. Die Vereine reagieren auf Kritik mit sinkender Bereitschaft, auf die Bedürfnisse der Fans einzugehen, Fahnen werden plötzlich verboten, Trommeln oder Megaphone untersagt. Spruchbänder müssen inhaltlich genehmigt werden, Zettel und Zeitschriften lassen sich nur noch in viele Stadien hineinschmuggeln. Vereine, Polizei und Ordnungskräfte zensieren die Fans, berufen sich auf ihr Hausrecht und bestimmen, was gesagt werden darf und was nicht. Stadionverbote werden erteilt, oftmals vorschnell und ohne eine wirkliche Bedrohung, die von der jeweiligen Person ausgeht. So sieht sich ein junger Fan nicht selten ausgeschlossen vor den Toren, weil er einen Aufkleber ein wenig zu auffällig an einem der vielen Zäune angebracht hat. Längst trifft es nicht mehr ausschließlich die Gewaltbereiten, sondern ein Stadionverbot droht jedem, der nicht mehr absolut regelkonform agiert. Es ist zur Allroundwaffe geworden. Besonders effektiv durch die Unabhängigkeit von den tatsächlichen Strafverfahren, denn selbst nach Niederlegung polizeilicher Ermittlung und Freispruch gelten die Stadionverbote gegen die vermeintlichen Unruhestifter weiter.Kritik aber findet dennoch den Weg ins Stadion, auch auf die beschriebene Gefahr hin: Spruchbänder werden präsentiert, von dutzenden Kameras aber dennoch ignoriert. Das konstruktive Moment der Szenen wird negiert und lediglich der Gewaltaspekt als Zuschreibung genutzt.

Denn wenn der Ultra’ sich dem Diskurs verschließt, verschließt sich der Diskurs vor ihm (Habermas 1999: 262). Ausschließungsprozesse kommen in Gang und es folgt eine bewusste Abgrenzung von diesem Anderen, gleichzeitig mit einer Verstärkung der Differenz über gewisse Zuschreibungen auf beiden Seiten. Diese Zuschreibungen geschehen über das Aufbauen von Bildern und Symbolfiguren – sogenannte Stereotype (Helmchen 2005: 367).

Im Falle Fußball heißt das, eine Konzentration auf den Faktor Gewalt. Der Ultra ist also gewaltbereit, damit erfahren alle Maßnahmen ihm gegenüber eine absolute Legitimation. Er kann sich nicht mehr auf seine Rechte besinnen und sie anbringen, denn der Faktor Gewalt, also die Annahme, von einem jeden Ultra könne Gewalt ausgehen, erlaubt es, ihm präventiv alle Rechte abzuerkennen. Diese Zuschreibung ist so wirksam, eben weil der Gewalt eine eindeutige Negativkonnotation innewohnt, sie weckt Assoziationen und Ängste um die eigene Sicherheit (Bublitz 2001: 241).

Aber genau dieser Aspekt der physischen Gewalt gewährt uns auch einen deutlichen Blick auf die Funktionsweise von Diskursen, auf den Konstruktionscharakter von Richtig und Falsch, auf die Facetten der Macht: Ob beim Fußball, bei G8-Demonstranten oder auch in Fragen der Sicherheit gegenüber scheinbar omnipräsenten Terroristen, die Gefahr der anderen liegt stets in ihrer Gewaltbereitschaft. Sie können uns zumindest theoretisch körperlich gefährlich werden. Oftmals glauben wir sogar, die Botschaft der anderen respektieren zu können, nur ihre Wege lehnen wir ab. Gewalt ist ein Tabu. Ist es das wirklich oder geht es bei unserer Ablehnung vielmehr um die Frage, wer Gewalt anwenden darf (Foucault 1981: 246)?

Natürlich muss es zur Wahrung der öffentlichen Ordnung Privilegierte geben, die über physische Gewalt als Machtmittel verfügen. Zumindest hinterfragen wir diese scheinbare Tatsache nicht. Wie rechtfertigen wir das? Unterscheidet sich Gewalt durch die Person, die sie anwendet? Gibt es in jedem gewaltsamen Konflikt stets eine Person, die offensichtlich falsch, und eine, die offensichtlich richtig handelt? Gibt es immer einen Gendarmen und einen Verbrecher oder hat es vielmehr mit unserer eigenen Position zu tun? Mit unserem eigenen Blickwinkel?

In unseren Stadien tragen Polizisten Schusswaffen, aber wurde damit nicht von den einsatzleitenden Stellen längst eingeräumt, dass eine dementsprechende Stufe der Eskalation im deutschen Fußball ebenso denkbar wäre? Das bloße Tragen einer Pistole impliziert die Möglichkeit ihres Gebrauchs. Die gewaltablehnende Öffentlichkeit bleibt stumm (Foucault 1983: 640).

Ebenso wenig diskutiert wurde die Einrichtung sogenannter Sondereinheiten, wie dem bayerischen USK, das möglicher Gewalt bereits präventiv begegnen soll, aktiv eingreifen und handeln darf. Gewaltanwendung wird dabei bereits legitimiert, auch wenn sie vorausgreifend und spekulativ eingesetzt wird. Die Zahl der Stadionverbote wächst von Jahr zu Jahr, ebenso aber auch die Gewaltbereitschaft der Fans. Statt sie mit drastischen Maßnahmen zu lähmen, wurde nur ein Hass geweckt und genährt, der in Italien gerade deutlich und dramatisch hervorgebrochen ist. Weitere Eskalation scheint fast unabwendbar (Foucault 1981: 247).

Ist es also so, dass wenn Macht auf Widerstand stößt, sie keine Wahl hat, als sie niederzuringen? (Foucault 1994: 254) Wurden damit alle Versuche, die eigene Macht, die eigene Wahrheit und Lebenswelt zu rechtfertigen, längst aufgegeben? Ist also der Mächtige längst ohnmächtig geworden (Foucault 1984: 929f.; 1994: 259f.)?

Die Ohnmacht des Mächtigen:

Im Grunde ist sich die Ultra’Szene ihrer Macht gar nicht bewusst. Sie selbst glaubt sich umlagert und in allen Richtungen in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Die verschiedenen Szenen klagen über Repression, über die Willkür der Polizei, der Ordnungsmächte und die Ignoranz und Gleichgültigkeit der Außenstehenden.

Doch die plötzlichen Krawalle und heftigen Ausschreitungen in Italien im November 2007 sind nur ein kleiner Ausdruck der Kraft, die sich tatsächlich hinter der Ultra’-Bewegung verbirgt. Falsch nur scheint eine Reflektion der Geschehnisse unter der Prämisse, dass es sich um einen Ausbruch von Gewalt handelt, der puren Lust am Ungehorsam wegen.

Vielmehr zeigt sich hier ein Ausbruch aus einer Ohnmacht heraus, aus dem Gefühl, einer Macht ausgeliefert zu sein, einem Diskurs, der es von innen heraus unmöglich macht, sich zu wehren und zu behaupten. Doch die wirkliche Gefahr besteht nicht in den Personen, die auf den Straßen Autos und Kasernen anstecken, die Gefahr besteht letztlich in der Sichtbarkeit dieser Ereignisse (Foucault 1997: 16). Für den Ultra’ ist es vielleicht sogar eine Chance, denn erst über eine tiefere Reflektion werden auch die Fragen nach der wirklichen Botschaft hinter der Gewalt gestellt (Habermas 1999: 263f.). Artikel wie dieser hier beginnen, den Blickwinkel zu schärfen und bereiten damit den Weg von der Straße fort, hin zu einer medialen Diskussion und Wahrnehmung (Foucault 1978: 76; 1984: 925). Der Ultra’, und das macht ihn gefährlich, wendet sich tatsächlich nicht alleine gegen bestimmende Diskurse. Er bewegt sich parallel zu anderen Gruppen und Kreisen. Die Zahl ihrer Zuhörer bestimmt letztlich die Kraft hinter ihrem Protest. Doch noch sprechen sie alle von außerhalb, doch letztlich kann sich jede Wahrheit einmal ändern und auch der Ohnmächtige irgendwann mächtig werden. (Foucault 1994: 259/260; 1978: 78)