Pyros, Tzatziki und der HFV!

Im HFV scheint die Angst umzugehen. Angst vor Massen an verbrannten Menschen am Rande von Fußballspielen in den Hamburger Amateurklassen. Und um diese Angst auch ja plastisch darzustellen und weiter zu geben, wird ein Interview mit dem Sicherheitsbeauftragten Volker Sontag auf der eigenen Homepage mit einem Pyro-Bild aus Karlsruhe untermalt.

Das hat zwar rein gar nichts mit den Verhältnissen auf den Sportanlagen der Hansestadt zu tun, aber es sieht halt so schön gefährlich aus. Dass Pyro-Shows in solchen Menschenmengen wie auf dem Bild zu sehen sind, in HH, abseits von St. Pauli und Stellingen, mangels entsprechender Menschenmengen quasi unmöglich sind, stört nicht weiter.

Letztlich lässt sich das Interview, in dem es um die Haltung des HFV zum Thema „Sicherheit“ in Stadien bzw. eher auf Sportplätzen geht, auf die übliche Argumentationslinie herunter brechen: Pyro ist abseits von Silvester illegal und Pyro ist in großen Menschenmengen gefährlich.

Natürlich sind pyrotechnische Mittel, die so um die 2000°C heiß werden, irgendwie gefährlich. Das ist der Straßenverkehr aber auch (von Silvester mal ganz abgesehen). Und ja, dieser Vergleich ist ein wenig platt. Er passt aber insofern, als dass bei beiden Verantwortung eine Rolle spielt. In beiden Fällen ist ein unfallfreies Überleben möglich, wenn alle Teilnehmer verantwortlich mit Auto/Fahrrad/etc. bzw. Bengalo & Co umgehen. Während das in den Profi-Ligen sehr kompliziert ist, da man in vollen und engen Arenen agiert, stellt sich dieses Problem in der Oberliga und darunter nicht. Es ist stets genügend Platz vorhanden, um Sicherheitsabstände zu kreieren. So ist der Argumentation, Pyro sei auch in der Oberliga unglaublich gefährlich, jegliche Grundlage genommen.

Das Interview mit Herrn Sontag wurde ja aber nicht einfach so zufällig gemacht. In den letzten Wochen wurden vergleichsweise drastische Strafen für das Zünden von Pyrotechnik verhängt. Sogar mit Punktabzügen wird angeblich schon gedroht. Dafür, dass der Sicherheitsbeauftragte des HFV immer wieder betont, dass der Verband keine konkreten und bindenden Richtlinien aufstellen will, wurde hier ganz schön rigoros reagiert. Einerseits ist dies verständlich, da Fans in einem Fall zu weit gingen und einen Bengalo auf den Rasen warfen. Andererseits sollte man aber auch hinterfragen, warum dies getan wird.

Und da kommt man ganz schnell darauf, dass es eben eine Reaktion auf vorherige Ereignisse und Repressionen sind, die die Leute dazu verleiten. Pyrotechnik wird nämlich umso gefährlicher, wenn man versucht ihr mit Repression zu begegnen. Mal ganz ab von etwaigen gesundheitlichen Schäden beim Schmuggeln in Körpergegenden, die dafür nun gar nicht gemacht sind, herrscht immer das Bewusstsein vor, den Bengalo o.ä. möglichst schnell los werden zu müssen, um ja nicht erwischt zu werden. Problem dabei: Die Dinger werden am Boden liegend tendenziell gefährlicher. Und auch die zweite Variante, sie einfach weg zu schmeißen, ist nicht wirklich besser.

Die Sache noch verkomplizieren im Übrigen übereifrige und offensichtlich ungeschulte Ordner. Im unserem letztem Auswärtsspiel bei Altona und im Oddset-Pokalfinale 2011 versuchten Ordner der Firma Contro jeweils Bengalen durch Drauftreten zu löschen. Dies gelang natürlich nicht und so wurden die noch brennenden Fackeln lustig durch die Gegend getragen. Vor allem beim Pokalfinale hätte dies angesichts der vielen Zuschauer, unter ihnen viele Kinder, wirklich böse enden können. Die Bengalen wurde nämlich ziemlich genau auf Kopfhöhe von 8-10-Jährigen gehalten. Ein weiterer Beleg dafür, dass Repressionen und vermeintliche „Schutzmaßnahmen“ die Lage erst so wirklich gefährlich werden lassen.

Daher gilt auch für den HFV das, was der DFB im Sommer diesen Jahres endlich begriffen zu haben schien: Man wird immer mehr Erfolge im Dialog erzielen, als wenn eigenmächtig fröhlich an der Repressionsschraube gedreht wird. Nun haben Zwanziger & Co gezeigt, dass sie an einem ernsthaftem Dialog mit Fans kein Interesse haben. So wurden Versprechen gebrochen, weil die doofen Fans sich überraschenderweise an Abmachungen hielten, von denen man nicht dachte, dass sie das tun würden (Näheres auf der Homepage der Kampagne „Pyrotechnik Legalisieren – Emotionen Respektieren). Es bleibt zu hoffen, dass der HFV nicht auch diesen Weg beschreitet…

Noch ein kurzer Exkurs zur Rechtslage: Diese ist relativ eindeutig, Pyrotechnik ist abseits von Silvester verboten, bengalische Fackeln auch da. Die Frage ist allerdings, ob man wirklich jedem Paragraphen auf dieser Welt Wort für Wort folgen muss. Ist es wirklich zu viel verlangt, den Menschen und ihrem Verantwortungsbewusstsein in unserer ach so freien Gesellschaft zu vertrauen? Vor allem wenn die angebliche Gefahr wie eben gesehen zumindest in der Oberliga und darunter nicht wirklich gegeben ist? Gesetze können in einer Situation angemessen und sinnvoll sein, aber genauso unsinnig und überflüssig in einer anderen. Kann oder will der HFV hier nicht abwägen? Abwägen zwischen blindem Gehorsam gegenüber dem DFB und anderen Institutionen und den gemachten Erfahrungen vor Ort? Denn von verkohlten Fußball-Fan-Leichen nach Oberliga-Spielen hört man tendenziell eher selten etwas.

Aber wahrscheinlich ist es einfacher unsinnige und überflüssige Richtlinien zu erlassen und in Interviews Folgendes vom Stapel zu lassen:

Erschreckend ist die bundesweite Entwicklung der Gewalt in unserer Gesellschaft, auch auf Fußballplätzen. Das gilt sowohl für ihr Ausmaß, als auch ihrer zunehmenden Brutalität. Vor diesem Hintergrund hat das Präsidium des HFV sich 2010 entschlossen, eine grundsätzliche Sicherheitsrichtlinie für den Gesamtspielbetrieb sowie eine besondere Sicherheitsrichtlinie für die Oberliga Hamburg umzusetzen.“

Ah ja, weil Gewalt und Brutalität (bin ich der Einzige, der hier spontan an „Hier kommt Alex“ von den Toten Hosen denken muss? Passend…) zunehmen, müssen erst mal Sicherheitsrichtlinien erlassen werden, dann kann nichts mehr passieren. Klingt fast so abstrus, wie einen Einbürgerungstest einzuführen, um die Integration zu erleichtern. Oh, wait…

Freiheit stirbt mit Sicherheit“ sagte ein gewisser Kurt Tucholsky einmal. Dieses Zitat ist heute mehr denn je richtig: Absolute Sicherheit kann es nicht geben, daher lohnt es sich auch nicht im blindem Streben nach ihr immer mehr Freiheiten aufzugeben. Dies betrifft im großen Rahmen natürlichen Thematiken wie den Datenschutz oder die Vorratsdatenspeicherung, im etwas kleineren aber halt auch die Verwendung von Bengalen u.ä. bei Amateurfußballspielen. Daher sollte sich der HFV die Freiheit nehmen den Fans zu vertrauen und ihnen wiederum ihre Freiheit zu lassen. Inschallah.