Vom Schlagwort ‚Freiheit‘!

Ich bin Ultra und das bedeutet für mich Freiheit. Die Freiheit, über mein eigenes Leben zu bestimmen und auch die Welt im Stadion nach meinen Vorstellungen zu gestalten. Ich will in meinem Mikrokosmos all das leben, was in der Welt da draußen unmöglich scheint, ich will in meiner Gruppe quasi die für mich perfekte Gesellschaft generieren. Ultra’ ist meine Lebenseinstellung, meine Konzentration auf einen Weg, meine Entscheidung für eine Sache, der sich gänzlich verschrieben wird. Selbst wenn der Bezug zum Rest da draußen allmählich schwindet, denn nicht selten fühlen wir Ultras uns besser und schlauer, als all die anderen dummen Konsumenten. Wir sind die romantischen Weltverbesserer und gefallen uns in dieser Rolle.

In all unseren Idealen und Träumen, denen wir nachhängen, verbirgt sich jedoch eine enorme Wertung, der feste Glaube, das einzig Richtige zu tun – ein Absolutheitsanspruch: Wir legen der Welt unsere Messlatte an und richten danach.
Wir glauben an Ultra‘ als reflektierte Subkultur und begreifen uns als Heilsbringer des Fußballs und verkennen dabei oftmals, dass er uns nicht allein gehört. Der Fußball ist nicht unser Besitz, der Verein ist es nicht, das Stadion, seine Ränge, die Kurve ebenso wenig. Mögen unsere Ziele noch so hochgegriffen sein und zum Wohle aller gedacht werden, wer gibt uns das Recht zu entscheiden, was tatsächlich richtig ist? Wir geben vor, Konstrukte in ihrem Wesen entlarven und dekonstruieren zu können, verfallen aber der Versuchung, unsere eigene Wahrheit als Wirklichkeit, sprich als absolut, stehen zu lassen. Komisch, denn ganz oben auf unserer Agenda finden wir Worte wie Freiheit, Individualismus und die Fähigkeit zu hinterfragen:

Freiheit ist nun aber ein sehr ambivalenter Begriff, denn wo der eine sich die Freiheit nimmt, seine Ideale in der Kurve umzusetzen, fühlt sich ein anderer in eben dieser beengt. Er vermisst wiederum die Freiheit, selbst darüber zu entscheiden. Wir projizieren unsere Ideale auf unsere Kurve oder Fanszene und verlangen, dass sie mitgetragen werden. Wir appellieren an die Masse, nicht nur zu konsumieren und sprechen eben diesen Fans ihren Status ab, machen sie zu bloßen Kunden. Wer sich nicht anpasst, wird ausgeschlossen, gar sanktioniert. Echte Fans wären ja so wie wir, nicht wahr…?! Aus dieser Logik heraus ist es natürlich ein Sakrileg, wenn Medienvertreter uns und unserem Verhalten allzu oft eben diesen Status als „wahre Fans“ absprechen. Für uns agieren sie mit Worten, die sie doch gar nicht verstehen können. Verwenden wir den Begriff Freiheit also einseitig?

Oftmals habe ich das Gefühl, die reale Welt läuft wie eine Art Film vor mir ab, ich stehe vor dem Bildschirm und brülle: Wacht doch endlich auf! Schaut doch mal genauer hin! Stellt die richtigen Fragen! Natürlich hört mich keiner, die Masse lebt wie nach Drehbuch ihr Leben weiter und erkennt nicht, was ich erkenne. Vielleicht will sie es auch einfach nicht. Sie scheinen angepasst und indoktriniert. Es ist ein schreckliches Gefühl von Ohnmacht. Der Drang sie zu wecken, ist bei mir groß, doch all meine Versuche scheitern kläglich. Ich will ihnen beibringen, differenziert zu denken, zu erkennen, was diese Gesellschaft aus uns macht und bin überzeugt von dem, was ich propagiere. Dabei werden mir manchmal sogar meine eigenen Schulfreunde zuwider, weil sie immer mehr all das annehmen, was ich so sehr hasse: Blindes Konsumieren und Funktionieren. Wo ist die Freiheit, in diesem Staate so zu leben, wie ich es will? Es ist manchmal wie in einem Gefängnis. Repression, Willkür, Anpassungszwang. Ich könnte wahnsinnig werden!

Ich kämpfe mit meinem Hass, aber immerhin kämpfe ich. Tatsächlich will ich mich zwingen, nicht zu vergessen, dass all das Geschilderte nichts weiter als mein Wertekanon, also meine Messlatte, ist. Ich urteile über die Menschen und verachte die, die nicht meinem Bild entsprechen. Irgendwie fordere ich mit jedem Appell auch Anpassung und die Revision von Meinungen, nur diesmal zugunsten meiner eigenen.

Wenn ich aber Freiheit zu Ende denke, was kommt dann? Darf ich dann in dem Maße Feindbilder kreieren? Sollte ich nicht vielmehr nach dem Grundsatz „Leben und leben lassen“ agieren?

Im Stadion ist es natürlich unser Ziel, eine Kurve unter unserer Führung zu vereinen, aber damit wollen wir einen Raum übernehmen, der uns nicht gehört. Wir wollen unsere Ideen durchsetzen und der Massen quasi aufoktruieren. Der Leitsatz: Es geschieht zum Wohle des Vereins – aber wer darf das entscheiden? Wer hat das Recht, diesen Absolutheitsanspruch zu leben? Ich hasse den Staat, die Polizei eben wegen dieses vermeintlichen Denkens, über Recht und Unrecht entscheiden zu dürfen! Wie kann ich nur selbst so werden?!

Ich ärgere mich über Personen im Block, die dumm rumstehen, quatschen, Bier trinken und damit anderen supportwilligen Personen den Platz wegnehmen. Aber wer gibt mir und meiner Gruppe das Recht, darüber zu richten? Es ist und bleibt ihre Freiheit, selbst zu entscheiden, wie ihr Stadionbesuch aussieht.Dazu passt natürlich auch die Stilisierung von Lokalstolz, dem Kämpfen für den Verein, das eigene Viertel, die eigene Stadt. Besonders erschreckend, wenn sogar vermeintlich linke Gruppen eigentlich angeprangerte Mechanismen schlicht beiseite legen oder sie für ihr eigenes Revier ummünzen. Ausschlussgrund ist dann zwar nicht mehr Hautfarbe, Geschlecht oder sexuelle Orientierung, sondern die Vereinszugehörigkeit. Wer sich in unserem Viertel danebenbenimmt oder gar nur auftaucht, der erntet Ärger bzw. wer nicht nach unseren Regeln spielt, der wird bestraft. Das kann schon heißen, dass ein Normalo mit dem falschen Schal Ultra‘ auf seine ganz persönliche Weise kennen lernt. Er hat dann nicht die Freiheit zu entscheiden, ob er Teil dieser Lebenswelt werden wollte, ihm bleibt nur die Gewissheit, dass diese Jugendlichen ihm „seinen Fußball“ wegnehmen und damit kaputt machen.

Ultragruppen sind ein junges Phänomen und gerade bei den großen Vereinen sind sie es, die sich in einen Raum hineindrängen – einen bereits ausgefüllten und besetzten Raum. Ihr Kommen verdrängt wiederum andere, so wie wir uns von Kunden und Eventpublikum verdrängt fühlen. Dabei sollten vor allem wir nie vergessen, dass auch Ultra‘ in Deutschland Mode ist und damit eine Facette des modernen Fußballs selbst. Unsere Generation ist zu einem Zeitpunkt in die Stadien gepilgert, als Fußball massentauglich wurde. Gerade die großen Gruppen bei den großen Vereinen wurden von Erfolg und medialer Sichtbarkeit angezogen. Den ersten Kontakt zum Fußball hatten doch die wenigsten von uns bei dem kleinen Verein um die Ecke aus Liga 6, sondern mit der Bundesliga. Warum sonst halten in Metropolen von fast zwei Millionen Menschen wie beispielsweise Hamburg die Leute vornehmlich zu nur zwei Vereinen? Wegen der großen Tradition? Ganz sicher nicht, sondern wegen der Sichtbarkeit, bzw. der Unsichtbarkeit der Kleinen. Ist das aber nicht auch Ausdruck des modernen Fußballs?! Wir sollten uns endlich wagen, mehr Fragen zu stellen und vor allem, sie auch bis zum Ende zu denken!

Da heben wir unseren Individualismus hervor, aber wo ist dieser Individualismus, wenn es um unsere Mentalität geht? Einige Ultras wollen nach einem strikten Kanon leben, klaren Dogmen, die ihnen einen Leitfaden an die Hand geben, der diktiert, was zu machen ist.
Das Problem an Phrasen wie „Das gehört zu Ultra‘ eben dazu“ ist doch nun aber, dass es sich dabei lediglich um die eigene Außendarstellung dreht. Natürlich besteht Ultra‘ zu einem guten Teil aus der Präsentation der eigenen Farben nach außen, aber wie weit lassen die einzelnen Gruppen ihr ganzes Handeln von der Sucht nach Anerkennung und Zuspruch bestimmen? Alle schimpfen über ultras.ws und dennoch bestimmen die Urteile solcher Boards ganz wesentlich unser Vorgehen mit. Individualismus gibt es dabei kaum, alle denken in denselben Schemata, wer aus der Reihe tanzt, dem wird das Attribut Ultra‘ ganz schnell wieder abgesprochen. Die verdammten Regeln der Außenwelt werden durch Szeneregeln ersetzt, das ist alles. Wer nicht mitspielt, der gehört eben nicht dazu. Und dazugehören wollen sie alle.

Die Idee der Individualität ist durch den hierarchischen Charakter der Gruppen ja sowieso ad absurdum geführt, denn letztlich gibt die Führung einer Gruppe doch vor, was der Stil ist, was auf der Agenda steht, wer Freund, wer Feind, wer dabei und wer nicht dabei ist, was gemacht wird und was nicht. Hierarchie gibt es immer, wer das abstreitet, sollte vielleicht noch mal ernsthaft innehalten und ein Weilchen darüber nachdenken…

Der Nachwuchs passt sich an und zieht mit. Die Sehnsucht dazuzugehören, ein Teil der Szene zu sein, anerkannt zu werden, überstrahlt alles andere. Die Forderung vieler Gruppen, Neulinge müssten sich erst beweisen, offenbart doch genau diesen Aspekt: Du darfst Teil der Gruppe sein, wenn du zeigst, dass du unsere Ideale verstanden hast und leben willst. Partizipieren dank Anpassung. Funktionieren. Genau das hasse ich an der Gesellschaft doch eigentlich!
Da ist dieser immense Hass auf den Lokalrivalen, die handgreiflichen Auseinandersetzungen, nur woher kommt er? Wieso ist bei vielen Kids, die plötzlich Bauchtasche tragen, der Hass weit ausgeprägter als noch in der Prä-Ultra-Zeit vor zwei Monaten? Oftmals wird Hass doch einfach nur aufgesetzt, weil es dazugehört. Devise: Einfach Mitmachen – machen doch alle!
Und wenn mein Capo sagt, mein bester Kumpel aus Sandkastenzeiten ist jetzt der Feind, weil er zu einem anderen Verein geht und dort Ultra‘ will? Sehe ich dann, wie leer all diese Worthülsen tatsächlich sind? Und wenn ich es einfach nicht sehen will, bin ich dann nicht genauso gefangen, wie all die anderen vermeintlichen Kunden da draußen, die in ihrer Welt, ihrem Denken fest verhangen sind?

Die Bewegung bewegt sich im Kreis. Kritisches Hinterfragen soll doch auch eine Ultra‘-Tugend sein! Warum stellen wir also immer die Fragen, zu denen wir schon Antworten kennen? Weil wir nicht bereit dafür sind, Dinge zu erfahren, die an unserer schönen Illusion nagen?
Irgendwie kommt mir das bekannt vor, denn genau diesen Vorwurf schmettere ich seit jeher der tauben Außenwelt entgegen. Vielleicht aber sollte ich endlich mal damit beginnen, ihn mir selbst gefallen zu lassen…

…Die Idee sollte geistig in Bewegung bleiben, nicht nur auf der Straße!