Fußball heute

Wie bei allem im Leben will ich es lauter, bunter, schriller, spektakulärer! Ich hasse Wiederholungen, möchte nicht immer mit denselben langweiligen Formaten berieselt werden. Meine Aufmerksamkeit lässt ziemlich schnell nach, ihr müsst schon mit etwas Besserem kommen, etwas Ausgefallenerem, etwas Krasserem, um mich zu halten, sonst laufe ich weiter und widme mich einer anderen Sache. Ob Fernsehen, Computer, Urlaub, Party oder eben Sport – es geht um das Event. Das Paket muss stimmen, das Produkt und zwar das Ganze!

Fußball ist eine tolle Show, da bin ich auch gerne mal bereit, 80 Euro zu zahlen, so lange es meinen Ansprüchen entspricht. Doch die Anreise sollte nicht zu stressig sein. Der Aufwand muss immer in Relation zum eigentlichen Ereignis stehen, sprich: nicht mehr als 10 % der eigentlichen Aufenthaltsdauer übersteigen. Daher empfehlen sich in der Regel nur Spiele in der eigenen Heimatstadt, es sei denn es gibt ein All-Inklusive-Ausflugspaket mit Fünf-Sterne-Hotelaufenthalt plus Wellness-Gutschein, Stadtrundfahrt, delikatem Catering und abendlichem Musicalbesuch. Es versteht sich von selbst, dass Spiele in Städten wie Cottbus oder Wolfsburg keine Rolle in meinem Denken spielen. Ich erhoffe mir einen schnellen und direkten Zugang zum Stadion. Parkplatznot, Schlange stehen, womöglich zwischen mehreren 40jährigen Biernasen, vollgepinnt mit diversen kleinen, aber extrem vulgären Ansteckern sind ein absolutes No Go!
Doch genau dort finde ich mich jetzt gerade wieder: Hier stehe ich nun auf dem Weg ins Stadion, etwas gereizt betrachte ich die abstoßenden Exemplare neben mir, in dieser schier endlosen Konsumreihe. Abwechselnd werden auf ihren ausgetragenen Jeanswesten der Lokalrivale sowie der obligatorische 08/15-Standardfeind Bayern München auf das Derbste beschimpft, die Illustrationen ähneln übrigens den Trägern dieser Kutten auf das Genaueste.
Die Kontrollen an den Eingängen dauern heute übrigens wieder ewig. Polizei und Ordnungskräfte müssen in einem Großeinsatz eine 50jährige Frau niederringen, die ziemlich offensichtlich versucht hat, ein illegales und extrem gefährliches Wurfgeschoß unter dem Vorwand reinzuschmuggeln, es handle sich lediglich um einen Lippenbalsam. Zum Glück wurden rechtzeitig einige Spürhunde aufmerksam und heften sich lange genug an ihr rechtes Bein, bis endlich mehrere Einsatzwagen zur Stelle eilen, um diese Krawallmacherin unschädlich zu machen. Ihr glatzköpfiger Mann hatte noch versucht einzugreifen und sich schlichtend zwischen sie und die heranwalzende Staatsmacht geworfen, doch mit einem gekonnten Schlag wird er effektiv entfernt. Zwei Ordner zerren den Bewusstlosen anschließend in die große Zellenanlage, die seit Beginn der Rückrunde auf Parkplatz Rot errichtet worden war. Die milliardenschwere Sicherheitsanlage wird für kommende Groß-Events erprobt und orientiert sich an Erfolgskonzepten wie Guantanamo und Abu Ghraib. Der gemeine Fußballfan wird dort in großräumigen 2m²-Zellen mit ca. 20 seiner Kumpanen inhaftiert, sollte der Platz nicht ausreichen, werden darüber hinaus beim G8-Gipfel bereits erfolgreich verwendete 40 cm hohe Käfige eingesetzt – bei besonders gefährlichen oder alkoholisierten Rowdies können je nach Bedarf auch Stromstöße durch die Gitter gejagt werden. Der Rest wird in den großzügig angelegten Verhörräumen unterdessen weich gekocht.

Die Schlange bewegt sich wieder einen Meter, denn die alte Frau wird nun in Handschellen abgeführt, ein wenig humpelnd wegen des klaffenden Hundebisses, aber es soll ja auch eine abschreckende Wirkung haben. Solche Personen brauchen wir beim Fußball nun wirklich nicht!
Apropos, die Biernasen johlen sinnlose Schlachtrufe und hauchen mir dabei ihren schlechten, sich aus Holsten- und Bratwurstaromen zusammensetzenden Atem ins Gesicht. Sich wegdrehen nützt gar nichts, zumal auf der anderen Seite ein verkniffener junger Mann mit einem befremdlich aussehenden Schal wartet. Doch ehe ich erkennen kann, um was es sich handelt, wird er auch schon von einem weiteren mobilen Zugriffskommando weggeschnappt. Der Schreck sitzt tief, denn die Menschen um mich herum beginnen furchtsam zu munkeln, es könnte sich um einen Gästefan gehandelt haben, der sich illegaler Weise frei in unserer Stadt bewegt. Ich erschaudere und sorge mich, ob der eventuell nicht verschlossenen Gartentür und umherstreifender wilder Horden. Panikartig muss ich mir die letzten Schritte zum Stadion immer wieder über die Schulter schauen, ich fühle mich beobachtet und unsicher – immerhin stand ich ganz ungeahnt einer Gefahr für Leib und Leben gegenüber.

Zum Glück aber bin ich dann auch schon an der Reihe und schaffe den erleichternden Schritt in die Multifunktions-Arena. Ich gebe meine Fingerabdrücke am Eingang schnell ab und werde ab jetzt von unzähligen Kameras begleitet, die meinen Weg zumindest während des Spielverlaufs hinweg überwachen. Meine persönlichen Daten durchlaufen parallel dazu zügig den großen Merchandising-Kalkulator und nur wenige Meter weiter werde ich bereits daran erinnert, dass meine niedrige Sicherheitsstufe nur aufrecht erhalten werden kann, solange ich bis zum Spielbeginn die vorausgesetzten 40 Euro Eintrittskarten-Guthaben umsetze. Also steuere ich sofort ohne Umschweife in einen der vierzig Fanshops und beginne rasch die obligatorische Shopping Tour, zu groß ist die Furcht, ansonsten den normalen Kundenstatus zu verlieren und als Fan, sprich als gemeiner Gewalttäter, präventiven Repressionen ausgesetzt zu werden. Also drängle ich mich zwischen die übrigen Kunden und greife schnell ein paar Waffeleisen, Frühstückseier und drei Tischtennisschläger und quetsche mich schon wieder an den drei fetten Biernasen vorbei, die jeweils das 152.,153. und 154. Exemplar ihrer Schalsammlung aus den Ladenregalen ziehen. An der Kasse bleche ich zähneknirschend 106 Euro – immerhin die 40 Euro Mindestumsatz erreicht – und schlendere über den Umweg der Autoverkaufshalle zurück. Wäre ich nur reicher, dann hätte ich mich über den hier angepriesenen Audi A8 quasi für eine ganze Saison freikaufen können. Inklusive 15 Tankgutscheine und drei Geschwindigkeitsübertretungen zum Preis von einer.

Ich träume eine Weile, bis mich die laut quakende Stimme des Stadionsprechers daran erinnert, dass mir nur noch fünf Minuten bleiben, rechtzeitig auf meinen Platz zu kommen. Alle, die im Stadion mit Spielbeginn noch stehen, machen sich per se verdächtig. So lege ich für die letzten Treppenstufen den Laufschritt ein. Auf die Sekunde genau schnalle ich mich sinnbildlich auf meinem Sitzplatz im C-Rang hinter der Anzeigentafel an und los kann die sogenannte Achterbahnfahrt der Gefühle gehen.

Die Mannschaften laufen auf, Feuerwerk, dramatische Filmmusik, Cheerleader, Popcorn, Lichteffekte – all das würde ich sehen, wenn ich nur bereit gewesen wäre, mehr als die üblichen 80 Euro auf den Tisch zu legen. Ernüchtert kaue ich auf meinem Mikrowellenmais für fünf Euro (nicht teuerer als im Kino) und harre der Dinge, die da kommen. Der Stadionsprecher verkündet noch schnell, wer da heute überhaupt spielt und schon geht es los! Ein letztes Mal löst die Selbstschussanlage vor dem Gästesektor aus, als ein verwegener Teenager wagt, mit seiner Fahne den Absperrzaun zu berühren und der Kampf der Gladiatoren beginnt…

Ein wenig langweilig allerdings, und das auf mein Handy für nur 2,99 Euro (ohne Abo!) gesandte Stimmungsbarometer zeigt steil nach unten. So kommt es auch, dass nach der ersten, seit dieser Saison neu eingeführten zusätzlichen Werbepause, ein enttäuschender Spieler das Feld verlassen muss. Ab sofort per Zuschauerwahl, die Zeiten, in denen der Trainer für so etwas die Verantwortung trug, sind längst vorbei. Die gesamte Tribüne tippt fleißig Spielernummern und der erste Akteur am Leder wird durch einen neuen Star am Fußballhimmel ersetzt. Der Sieger von „Deutschland sucht den Fußballstar“, ein 16jähriger Mädchenschwarm mit Manga-Style Visual-Key-Look wird eingewechselt. Er ist zwar ein wenig ungelenk, aber was macht das schon, wenn er binnen weniger Monate als der verheißungsvollste Newcomer auf dem asiatischen Markt gefeiert wird! Derselbe asiatische Markt übrigens, für den wir unsere Spieltage nun komplett über Nacht austragen. So steigern wir immerhin die Quoten in Tokio und Seoul.
Ich gähne kurz, als mir bewusst wird, dass bald auch schon wieder die Sonne aufgeht – doch dann beginnt endlich die erste Schlägerei auf dem Platz und ich bin wieder hellwach! Schlägereien sind im Sport groß am Kommen dank des Spieler-Votings, denn die unangepassten Kerle, mit denen manchmal das Temperament durchgeht, sind fast so beliebt wie die kleinen Schönlinge. Wenn du als Sportler also mal auf der Beliebtheitsskala zu sinken drohst, dann lang deinem Gegner einfach voll ins Gesicht, greif ihm zwischen die Beine und beiß ihn gar in den Finger. Jeder Skandal steigert deinen Marktwert und es musste noch nie ein Spieler den Platz verlassen, der auffällt!

Trotzdem aber ist das Spiel furchtbar langweilig, so dass ich immer wieder meinen Blick fahrlässig auf die hoch umzäunten Fanblöcke schweifen lasse. Sie üben nach weiteren tristen zehn Minuten eine stille Faszination auf mich aus, so sehr, dass mir längst entgeht, dass die beiden Rentner hinter mir bereits ihre leeren Becher vor Entrüstung gen Trainerbank schleudern. Pfiffe ertönen, Protest: „Wir wollen was sehen für unser Geld!“ –  „Öde!“ – „Wann passiert denn endlich mal was?“ Dann fällt ein Tor, das siebte. Schon wieder derselbe Torschütze, wie bei den anderen sechs Treffern. Langweilig, keine Abwechslung. In einer Halbzeit sieben Mal das Gleiche?! „Welcher Idiot hat sich denn das ausgedacht?!“ pöbelt jemand.

Ich jedoch starre weiter gebannt auf den Block und wundere mich, welche Extase dieser letzte, wirklich alberne Treffer auszulösen vermochte. Wie in einem Armeisenhaufen, es wird gehüpft und gejubelt. Emotionen, für die sie eigentlich bestraft gehören. So etwas hat im Fußball einfach nichts zu suchen…

Die ersten Personen verlassen nunmehr das Stadion. Nach wenigen Minuten folgen weitere. Schon zu Beginn der zweiten Hälfte hat bereits die Haupttribüne den Weg vom Schnittchenstand nicht mehr zurück auf die Ränge gefunden. In meinem Block verharren längst nur noch ich und ein Fünfzehnjähriger. Wir schauen uns ins Gesicht und ich fühle eine ungeahnte Seelenverwandtschaft, spürt er etwa dasselbe Kribbeln wie ich? Ein Würstchenverkäufer zerstört diese Illusion, als er dem jetzt offensichtlich auf seine Bestellung wartenden Jungen die letzte Thüringer bringt. Sie verschwinden beide etwa zeitgleich mit dem Maskottchen, dem Brezelnverkäufer, dem Stadionsprecher und den Kamerateams. Das Licht geht aus und bald gibt es nur noch mich und die Chaoten.
Mit dem Abschalten der Dolby-Mega-Digital-Soundanlage vernehme ich zum ersten Mal die Gesänge aus den Stadionghettos. Ich bin in einer ganz neuen Welt, gefangen, verzaubert und mit dem 7:7-Ausgleich in der Nachspielzeit hält es selbst mich nicht mehr auf dem Designerklappsitz. Ich springe, tanze und jubele! Ich hüpfe auf den leeren Sitzschalen umher und genieße dieses unglaubliche Erlebnis in totaler Verzückung: Allez, Allez… es ist wie ein Rausch….
Bis ein Sitz unter meiner Last zusammenbricht und noch ehe es mir gelingt, ihn vom Boden aufzuheben, eine ganze Hundertschaft schwarz-vermummter Sicherheitsschläger um mich herumsteht. Über mir kreist ein Helikopter, ich stehe inmitten seines Scheinwerferlichtes, mehrere Scharfschützengewehre auf mich gerichtet. Totenstille. Dann ein schriller Schrei: „Ein Fan! Packt ihn!“  Die schwer gepanzerten Truppen stürzen auf mich ein, bevor ich es schaffe, die Nummer meines Anwalts zu wählen, geschweige denn mein Handy überhaupt aus der Tasche ziehen kann. Mir wird schwarz vor Augen und in einem letzten vagen Gedanken wünsche ich mir, doch den Audi gekauft zu haben: Beim Kauf eines Neuwagens mit 20prozentiger Sofortanzahlung garantiert Audi, als neuer Sponsor des Innenministeriums, immerhin eine dreimonatige Immunität.…